Annette Bischof-Campbell: Ratgeber Psychologie

22.09.2005 8

Die hohe Kunst des guten Streitens

Wer sich liebt, muss Auseinandersetzungen nicht auf Biegen und Brechen vermeiden. Denn wer auf die richtige Art streitet, kommt sich näher.

«Nie spülst du das Geschirr!» Tja, Konflikte gehören zur Liebe. Wenn zwei sich nahe stehen, treten sie einander halt ab und zu auf die Füsse. Der krampfhafte Versuch, Streit zu vermeiden, führt in die Entfremdung – oder in Vulkanausbrüche. Wenn zwei aber in Auseinandersetzungen ihre Frustrationen bereinigen, räumen sie falsche Erwartungen und Idealbilder aus dem Weg und lernen einander besser kennen. Das führt sie näher zueinander.

Sofern es dabei fair zu- und hergeht. Je schwieriger, heikler das Thema, desto eher solle man Diplomatie und Toleranz walten lassen. Oft passiert genau das Gegenteil. Da wird mit Methoden gegeneinander gekämpft, die jeder Schiedsrichter verböte. Weil sich die Streithähne in ihrer Person angegriffen fühlen, ist ihnen kein Mittel zu schade. Ihr Selbsterhaltungstrieb schreit: «Du musst den Überlebenskampf auf Teufel komm raus gewinnen!»

Überlebenskampf? Dabei gings doch nur ums Geschirr! Schon, doch so weit denkt das vor Aufregung oder Wut blutarme Hirn nicht. Es denkt nur noch: «Flucht!» oder «Angriff!». Darum verschanzen sich die einen hinter Lügen oder verbarrikadieren sich, retten sich in die Beiz oder in einen Migräneanfall. Die anderen greifen an: mit bissigen Sticheleien, harter Kritik oder verächtlichen Beleidigungen. Oder werden gar handgreiflich. Welche Methode ein Mensch bevorzugt, hängt von seiner Konfliktfreudigkeit ab. Und davon, wer in der Partnerschaft «stärker» ist. Verlieren tun beide. Denn jeder unfaire Streit ist Wasser aufs Feuer der Liebe. Die Fronten verhärten sich; das Gefühl des «Miteinander» geht verloren. Solche Paare finden, wenn überhaupt, oft nur mit gut ausgebildeten Drittpersonen wieder zueinander. Paare, die im Konflikt fair bleiben, gewinnen. Als Paar.

In Friedenszeiten üben

Es empfiehlt sich für alle Paare, in Friedenszeiten Spielregeln miteinander zu vereinbaren, an die sie sich im Konflikt zu halten versuchen. Übung macht den Meister. Mal klappts beim einen besser, mal beim anderen. Hauptsache, beide geben sich Mühe. Zur Hilfe kommt ihnen die Weisheit, dass es zum Streiten zwar zwei braucht, aber nur einen, um den Streit in eine faire Bahn zu lenken.

Eine Faustregel, die sich alle zu Herzen nehmen sollten, lautet: «Ruhig Blut!» Der Drang, in eins der oben erwähnten Angriffs- oder Fluchtverhalten zu rutschen, ist ein untrügliches Anzeichen dafür, dass im Gehirn nichts mehr geht. Der Puls ist um mindestens zehn Schläge pro Minute erhöht, der Atem geht flach, die Muskeln sind verkrampft. Jetzt heissts «Notbremse ziehen»: Tief durchatmen. Oder noch besser «20 Minuten Auszeit!» rufen.

Auszeiten dienen der Abkühlung und der Sammlung. Und der Frage: «Um was in aller Welt geht es hier?» Das vergisst man in der Hitze des Gefechts nämlich gern. «Nie spülst du das Geschirr!», hat man gebrüllt. In Tat und Wahrheit hat es der Partner heute Morgen nicht getan. Trotzdem wurde die Attacke mit dem Wort «nie» garniert – womit dem anderen erklärt wurde, dass der Streitauslöser nicht die einmalige Tat, sondern seine immer und immer fehlbare Persönlichkeit sei. Das treibt jeden in die Defensive.

«Bleib bei der Sache!» ist daher ein weiterer, dringend zu befolgender Tipp. Auch wenn der Partner das Geschirr vielleicht nicht zum ersten Mal dreckig hat stehen lassen. Es ist ganz einfach taktisch geschickter, ihm appetitliche Zwiebelringchen zu servieren, statt ihm die ganze Zwiebel auf einmal in den Mund stopfen zu wollen. Die wird er nämlich angewidert ausspucken. Die Ringchen schluckt er eher.

Die höchste Kunst einer fairen Auseinandersetzung besteht allerdings darin, nicht über den Partner, sondern über die eigenen Gefühle zu reden. Zum Beispiel so: «Als du das Geschirr nicht gewaschen hast, habe ich mich ausgenützt gefühlt.» Noch weniger fühlt sich der andere angegriffen, wenn man das Wort «du» ganz weglässt: «Als ich das ungewaschene Geschirr sah, habe ich mich ausgenützt gefühlt.»

Über Gefühle zu reden heisst nicht «Das hat mich wütend gemacht» zu sagen. Denn hinter jeder Wut verstecken sich andere – verletzte – Gefühle, wie Stolz, Liebe, Vertrauen, Geborgenheit oder Selbstwert. Und oft auch eine gehörige Portion Angst. Angst, nicht gehört, nicht ernst genommen zu werden. Unterzugehen. Zu versagen. Nicht geliebt zu werden. Zurückgewiesen zu werden. Verlassen zu werden. Wer dem Partner seine Ängste offenbart, nimmt ihm den Wind aus den Segeln.

Ein Zeichen der Angst

Wer Mitgefühl für den Partner hat, übrigens auch. Merke: Je ärger der Schatz explodiert, desto grösser seine Angst. So ungeschickt er es tut, er will hier etwas mitteilen. Nichts beruhigt ihn so sehr wie mitfühlendes Zuhören. Wenn er «Ja», «Ich verstehe dich» oder «Das tut mir Leid» hört, fühlt er sich ernst genommen. Der gute Zuhörer fügt hinter seine Kommentare kein «aber» an, wenn er anderer Meinung ist. Er muss sich nicht immer rechtfertigen. Was wichtig ist, kann er auch noch morgen sagen.

Ein fairer Konflikt endet bei weitem nicht immer damit, dass beide gleicher Meinung sind. In einer gesunden Partnerschaft können auch mal zwei Meinungen bestehen. Wichtig ist, dass beide das akzeptieren. Und gemeinsam nach Lösungen, nach Kompromissen suchen. Was müsste passieren, damit sich der Streit nicht morgen wiederholt? Dieses Anliegen gehört klar und deutlich auf den Tisch gelegt: «Könntest du jeden zweiten Morgen das Geschirr spülen?» Das klingt doch schon viel besser als: «Nie spülst du das Geschirr!»

So streiten Sie richtig