Annette Bischof-Campbell: Ratgeber Psychologie

23.06.2005 5

Wie viel erträgt eine Liebe?

Wer in einer Partnerschaft verletzt und hintergangen wird, sollte klare Grenzen ziehen. Und auf Worte Taten folgen lassen.

Wie kann sich Manuela das nur gefallen lassen – einen Mann, der trinkt, sich von ihr aushalten lässt und sie ständig heruntermacht? «Ich liebe ihn halt», sagt sie sich und: «Er hat auch gute Seiten. Man kann in einer Beziehung nicht erwarten, dass immer alles rosig ist.» Stimmt. In jeder Partnerschaft gibt es gute und weniger gute Zeiten, und Liebe bedeutet, die Schwächen des anderen zu akzeptieren. Doch wie viel soll Manuela erdulden? Wo soll sie die Grenze ziehen?

Erstens dort, wo Abmachungen nicht eingehalten werden. Wer klare Abmachungen trifft, kann auch klare Grenzen ziehen. Wenn Roland etwa trinkt, obwohl er mit Manuela abgemacht hat, dass er trocken bleibt, geht er zu weit. Zweitens sollte sie dann eine Grenze ziehen, wenn Roland ihr absichtlich weh tut – körperlich oder seelisch. Das tut er ganz offensichtlich: Er hintergeht sie bewusst, er nützt sie finanziell aus, und er macht sie mit Worten nieder. Das hat mit Liebe nichts mehr zu tun. Und es ist an Manuela, ihm zu sagen, dass sie sich das nicht gefallen lässt.

Eine zweite Chance ist OK

Und wenn er sich dafür entschuldigt und verspricht, es nie mehr zu tun? Dann hilft ihr diese Faustregel: Das erste Mal kann man als Fehler durchgehen lassen. Das zweite Mal als Unfall. Das dritte Mal ist einmal zu viel. Spätestens beim dritten Mal muss Manuela handeln. Denn wer immer redet und nicht danach handelt, kann das Reden gleich sein lassen.

Es fällt Manuela schwer, zu ihrem Wort zu stehen. Sie hat Mitgefühl mit Roland. Der gibt gern dem Alkohol die Schuld: «Ich weiss nicht, was über mich kam», sagt er, «ich hatte mich nicht im Griff.» Halt! Wenn das wirklich so ist, gehört er in Behandlung. Denn ein Mensch, der die Kontrolle über sich aufgibt, ist schlicht gefährlich. Wahrscheinlich hat sich Roland sehr wohl im Griff. Er sucht nur eine Ausrede, weil er nicht gern die Verantwortung übernimmt. Und darum gibt er sie manchmal auch gern an Manuela ab: «Du hast mich provoziert!», heisst es dann. Das ist aber keine Entschuldigung.

Die Realität erkennen

So unvollkommen Manuela ist, sie hat einen Mann verdient, der sie samt ihren Schwächen liebt und respektvoll behandelt. Es ist Zeit, die romantische Brille abzusetzen. Egal, wie schön es mit Roland anfing und welch hohe Erwartungen sie an die Beziehung hatte, das Unschöne hat sich eingeschlichen. Ganz allmählich. Darum hat sie sich daran gewöhnt – wie an einen Schmerz, der langsam wächst. Heute sieht die Wahrheit hässlich aus. Und ihre Liebe zehrt nur noch von der Erinnerung und von der Hoffnung, dass alles wieder so wird wie früher.

Jedes Mal, wenn er wieder mit roten Rosen und mit reumütiger Miene vor ihr steht, nährt Roland diese Hoffnung. Und Manuela hat die Wahl: Sie kann dem rosigen Traum erliegen und eine Wahrheit wählen, die zwar vertraut, aber von Leiden geprägt ist. Oder sie kann Roland die Tür weisen und ein Leben wählen, das beängstigend sein kann, weil sie nicht weiss, wie rosig es sein wird. Rosiger als das, was sie jetzt hat, wird es allemal sein. Denn sie wird respektiert werden. Von sich selbst.

Klarheit hilft weiter